Goldman Sachs: „Lohnt es sich, die Kranken zu heilen?“

18. April 2018, 18:14 Uhr
Foto: Hauptsitz Goldman Sachs. Von: Quantumquark. Lizenz CC BY-SA 3.0.
Foto: Hauptsitz Goldman Sachs. Von: Quantumquark. Lizenz CC BY-SA 3.0.
Die Verbindung von Technologie und Kapitalismus kann extreme Exzesse hervorrufen. Ein Bericht der Investmentbank Goldman Sachs über Biotechnologie und Gentherapie ist ein Beispiel dafür.

Medizinische Innovationen könnten dazu führen, dass Menschen in einem Rutsch geheilt werden. Anstelle von langwierigen und damit kostspieligen Behandlungen könnte etwa eine Gentherapie zu einer one shot cure führen.

Für Analysten von Goldman Sachs ist dies ein Grund, sich die Frage zu stellen: „Ist die Heilung von Patienten ein nachhaltiges Geschäftsmodell?“ Diese Meldung brachte letzte Woche die Nachrichtenagentur CNBC.

In dem Bericht mit dem Titel The Genome Revolution schreibt der Analyst Salveen Richter: „Die Möglichkeit, eine One-shot-Heilung zu erzielen, ist einer der attraktivsten Aspekte der Gentherapie, der gentechnischen Zelltherapie und der Genmodifikation. Aber mit solchen Behandlungen ist die Aussicht auf wiederkehrendes Einkommen ganz anders als bei Langzeitbehandlungen. Diese Möglichkeit ist zwar äußerst wertvoll für Patienten und die Gesellschaft, aber es kann eine Herausforderung für Entwickler von Gen-Medikamenten sein, die nach einem nachhaltigen Cashflow streben.“

Huhn mit goldenen Eiern schlachten

Im Bericht wird ein Beispiel genannt über eine Methode, Hepatitis C erfolgreich zu behandeln. Das Unternehmen Gilead Sciences brachte eine Behandlungskur auf den Markt, die einen Heilungserfolg von 90 % versprach. Dies führte aber zu schnell rückläufigen Gewinnen: Im Jahr 2015 wurden auf dem amerikanischen Markt 12,5 Milliarden Dollar mit dem Medikament verdient. Goldman Sachs sagt jedoch voraus, dass der Gewinn im Jahr 2018 auf 4 Milliarden Dollar fallen würde.

Insbesondere bei Infektionskrankheiten wie Hepatitis C führt eine erfolgreiche Behandlungsmethode dazu, dass es immer weniger Patienten gibt. Richter schreibt: „Durch die Heilung der vorhandenen Patienten nimmt die Anzahl der Träger des Virus ab und die Infektion wird daher seltener übertragen.“

Richter weist darauf hin, dass andere Arten von Krankheiten weniger Einfluss auf den Profit haben: „Bei Krankheiten, bei denen die Anzahl von Neupatienten stabil bleibt (zum Beispiel Krebs), ist eine erfolgreiche Behandlung ein weniger großes Risiko für die Nachhaltigkeit des Unternehmens.“

Perverse Anreize

Die Berichterstattung von CNBC verbreitete sich schnell durch traditionelle und soziale Medien. Der Ansatz von Goldman Sachs rührt an einer empfindlichen Stelle. Die Investmentbank bewertet eine potenziell revolutionäre Entwicklung, die sich als Segen für die öffentliche Gesundheit entpuppen könnte, rein aus dem Blickwinkel der Profitmaximierung.

Diese Diskussion ist aber nur ein Symptom für ein breiteres Problem. Nämlich, dass die technologische Entwicklung durch das Marktdenken gefesselt wird. Es bedeutet, dass wir unsere Geräte nicht selbst reparieren können, dass ein schlecht gesichertes, marodes Internet der Dinge eingeführt wird und dass das Urheberrecht dem wissenschaftlichen Fortschritt im Weg steht.

Gesundheit first!

Anstatt neue technologische Möglichkeiten in alte Profitmodelle zu pressen, könnte es vorteilhafter sein, neue Verdienstmodelle zu entwickeln. Die niederländische Ärztin Emma Bruns plädiert für ein anderes Profitmodell im Gesundheitswesen: „Wo Gesundheit im Mittelpunkt stehen sollte, orientiert sich die Gesundheitsversorgung derzeit nach einem Profitmodell für Krankheiten“, sagt sie. „Krankenversicherungen, die Pharmaindustrie und sogar Krankenhäuser profitieren davon, dass es so viele Kranke wie möglich gibt.“ Sie fordert deshalb die Regierung auf, an einem Profitmodell zu arbeiten, das vor allem darauf abzielt, Menschen gesund zu machen und gesund zu halten.

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