Preiswerter E-Scooter

25. März 2020, 00:00 Uhr
Preiswerter E-Scooter
Preiswerter E-Scooter
In vielen Städten sind neuerdings überall diese kleinen elektrifizierten Tretroller zu sehen. Man kann sie mieten und natürlich auch kaufen. Schnell ist man da viel Geld los. Doch taugen auch preiswertere Exemplare? Eine exemplarische Antwort am Beispiel eines Billig-Modell aus dem Prospekt eines Lebensmittel-Discounters.

Letztes Jahr war ich zum ersten Mal mit einem Leihwagen in der Innenstadt von Tel-Aviv unterwegs. An sich bin ich nicht zimperlich und passe mich recht schnell an die regionalen Fahrgepflogenheiten an. Andere Länder – anderer Fahrstil. Aber das hatte ich noch nicht erlebt: In dieser quirligen Stadt im Nahen Osten gibt es nicht nur enge Straßen und kaum Parkplätze, sondern man wird im dichtesten Verkehr links und rechts gleichzeitig von diversen Elektroflitzern überholt und bedrängt. Auch an der Strandpromenade stolpert man überall über die achtlos liegengelassenen Miet-E-Scooter. Ergo: ich wollte auch einen...

Schwenk nach Europa

In allen europäischen Ländern gelten unterschiedliche Regeln bezüglich dieser kleinen Scooter. Während in vielen europäischen Großstädten das Surren der kleinen Flitzer längst zum Alltag gehört (und sich die Fußgänger an diese neue „Gefahr“ gewöhnt haben), ist das in Deutschland Neuland, denn erst 2019 wurden sie zugelassen. Natürlich nicht ohne entsprechende bürokratische Regularien (siehe Kasten Elektrokleinstfahrzeuge).

Und wie es sich für das Land des „demnächst“ eröffnenden Hauptstadtflughafens BER gehört, machen diese Sonderregeln die Roller teurer, denn erst einmal muss sich die chinesische Produktion auf die deutsche Extrawurst einstellen. Das ist mittlerweile der Fall, und so haben die beiden wohl größten Lebensmitteldiscounter Aldi und Lidl doch kurz vor Weihnachten 2019 entsprechende Modelle zum kleinen Preis im Angebot. Lidl machte den Anfang und hatte Ende November das Modell „Doc Green E-Scooter ESA 5000“ für unglaubliche 299 € im Programm. Aldi folgte kurz später mit einem Kampfreis von 279 €.

Interessierte waren dank Internet schon vorab informiert. Deshalb wusste ich, dass das Aldi-Modell mit einer Ladung nur halb so weit wie sein Lidl-Konkurrent kommt, der immerhin 22 km schaffen soll. Außerdem wusste ich auch, dass es mit dem Modell M365 ein praktisch baugleiches, aber teureres und nicht in D zugelassenes Gerät von Xiaomi gibt, und diese chinesische Firma steht zumindest bei Smartphones für viel Leistung und Qualität bei niedrigen Preisen. Auch wenn Lidl diese Verbindung dementiert hat, war mir das den Mehrpreis wert, und deshalb stand ich am Verkaufstag schon zehn vor sieben im Dunkeln vor der örtlichen Lidl-Filiale. Und ich war nicht der Erste! Vor mir standen schon zwei Herren mit ähnlichem Baujahr, jeweils mit einem großen Einkaufswagen bewaffnet und startbereit zur Jagd durch die Gänge und zum Einfangen des begehrten Stücks. Bis 7:00 Uhr waren weitere acht Menschen hinter mir. Alle warteten schon fast britisch-höflich ruhig in der Schlange.

Und die Tür ging auf und der Wettlauf begann. Tatsächlich hatten die Jäger auf den Startpositionen 1 und 2 auch die ersten beiden Scooter eingeladen. Und ich bekam den Dritten – von sechs Stück. Als ich wieder an der Kasse war, zeigte ein Blick zurück, dass alle weg waren. Uff – Glück gehabt! In Bild 1 können Sie meine Jagd-Trophäe bewundern.

Bild 1. Beute im Zwinger: Nach der Jagd auf den E-Scooter hatte ich noch Zeit für ein paar Lebensmittel.

Erste Eindrücke

Zuhause angekommen habe ich das Paket in mein Elektronik-Labor im Keller verfrachtet und konnte natürlich nicht widerstehen: Es musste ausgepackt werden. Nachdem es rausgehoben und von den Schaumstoff-Formteilen befreit war, bot sich der Anblick von Bild 2.

Bild 2. Der Inhalt des Kartons – der zusammengefaltete E-Scooter wartet auf die Lenker-Montage.

Die Lenksäule kann weggeklappt werden und der Lenker war noch mit vier Inbus-Schrauben zu befestigen. Auch ein Ladegerät und Papier – insbesondere die „Datenbestätigung“ – war dabei, wie Bild 3 zeigt.

Bild 3. Das „Zubehör“ umfasst das Ladegerät, ein paar Schrauben samt Inbus-Schlüssel und Papiere.

Letztere ist wichtig, da sie einer „Allgemeinen Betriebserlaubnis” entspricht und man das Gefährt nur mit ihrer Vorlage versichert bekommt. Komplett zusammengeschraubt stand der Roller fünf Minuten später in ganzer Pracht vor mir (Bild 4).

Bild 4. Komplett zusammengebauter E-Scooter. Das war einfach.

Vor der Inbetriebnahme aber musste erst einmal klar sein, wie und wo man das Ding einschaltet und was die LEDs etc. bedeuten. Laut Handbuch drückt man zum Einschalten den schwarzen Knopf am Lenker. Dann leuchtet das sehr helle, zweistellige Display mit der korrekten Geschwindigkeit von 00 km/h auf und die LEDs zeigen den Ladezustand des Akkus an. Bild 5 zeigt den Lenker in Fahrposition. An dieser Stelle wurde mein Tatendrang jäh eingebremst, denn es war nicht viel Saft im Akku, und die Anleitung fordert ein erstes volles Aufladen. Das rote Paddle links ist die Rekuperationsbremse und das Blaue rechts ist eine Art Daumengas. Die Lenkergriffe sind nicht drehbar. Oben rechts sieht man den Bremshebel für die hintere Scheibenbremse.

Bild 5. So sieht der Lenker samt „Armaturenbrett“ eingeschaltet aus. Der Akku ist leer.

Fünf Stunden später war der Akku voll. Es hätte jetzt losgehen können mit der ersten Testfahrt. Testweise im Keller ausprobiert: Ja, es fährt. Schon jetzt merkte ich: So viel Power kommt da nicht, auch wenn es sicherheitshalber noch der Eco-Modus war. Vor dem Loslegen wollte ich aber wissen, wie gut dieser E-Roller gemacht ist.

Ein Blick auf den Rahmen zeigt, dass die Alurohre sauber verschweißt sind (Bild 6).

Bild 6. Stabile Schweißnähte und Klapp-Mechanismus.

Auch der Mechanismus zum Arretieren des Lenkers sieht sehr stabil aus. Bild 7 zeigt das Vorderrad. Lidl spricht hier von „8,5" Luftkammerreifen (Honeycomb)“ – allein mir fehlt der Glaube. Mich erinnert das eher an ganz normale Vollgummireifen. Auf jeden Fall muss man keinen Luftverlust befürchten.

Bild 7. Vorderrad mit Nabenmotor und Vollgummireifen.

Bild 8 zeigt das Hinterrad mit überdimensionierter, gelochter Bremsscheibe, Heckbeleuchtung und Nummernschildhalter. Der graue Gumminippel oben dient zum Arretieren des abgeklappten Lenkers. So kann man den Scooter trotz seines Gewichts von immerhin 15 kg bequem tragen. Im Kasten Eigenschaften finden Sie weitere Angaben.

Bild 8. Hinterrad mit Scheibenbremse und Arretierung für den niedergeklappten Lenker.

Innenleben

Für Elektroniker besonders interessant ist das, was im Gerät drin steckt. Also musste es gleich aufgeschraubt werden. Das ist einfach, denn unten befindet sich lediglich ein dickerer Kunststoffdeckel (Bild 9). 13 Schrauben später hat man ihn in der Hand.

Bild 9. Der Unterboden ist aus Kunststoff und abschraubbar.

Bild 10 zeigt, dass er nur mit einem Schaumstoffband abgedichtet ist. Alles kein großes Problem, denn bei eBay gibt es solche Abdeckungen aus Alu für wenig Geld in verschiedenen Farben für den Xiaomi M365 (Suche nach „Bottom Battery Cover Xiaomi M365“) und die dürften passen. Ganz allgemein gibt es dort viel passendes Zubehör unter dem Stichwort „M365“.

Bild 10. Abgeschraubter Deckel mit Schaumstoffdichtung.

Bild 11 zeigt das Wichtigste: den Akku. Er ist aus Rundzellen aufgebaut (10s3p) und sieht ganz ordentlich aus. Auch die Prospektangaben stimmen. Der Akku ist von unten an den Rahmen geschraubt und bei Defekten gut zu wechseln.

Bild 11. Der Akku. Sieht ganz ordentlich aus.

Das Zweitwichtigste ist die Elektronik: Bild 12 zeigt, dass sie noch einmal extra durch ein transparentes Kunststoffgehäuse vor Feuchtigkeit geschützt ist. Die sechs MOSFETs für eine dreiphasige Brückenschaltung sind gut zu sehen. Aus diesem Sachverhalt ergibt sich, dass es sich um einen elektronisch gesteuerten BLDC-Motor handelt, was die Sache effizient und langlebig macht.

Bild 12. In der verkapselten Elektronik sind die sechs MOSFETs gut zu sehen.

Bild 13 zeigt die Ladebuchse, die mit einem Gummipfropfen geschützt ist. Auch hier imponieren wieder die schönen Schweißnähte.

Bild 13. Ladebuchse auf der linken Seite des Scooters.

Testfahrt

Nachdem alles wieder zusammengeschraubt war, ging es raus auf die Straße. Im YouTube-Video können sie meine ersten, noch zaghaften Fahrversuche bewundern. Ich traute mich zuerst nur im Eco-Modus, der bis 15 ​km/h geht. Zu Recht!

Damit der Scooter Gas annimmt, muss man ihn zuerst durch Anschieben auf >2 km/h bringen. Das ist kein Problem, ein Schubs genügt. Diese kleine Unbequemlichkeit hat den Vorteil, dass der hohe Stromverbrauch beim Anfahren reduziert wird und die Akkus so länger halten. Los ging’s und die 15 km/h fühlten sich nicht unsicher an, trotz der kleinen Rädchen. Aber dann kam das Umkehren, und dazu muss man ja bekanntlich abbremsen. Vorab: Ich habe mir nichts dabei gebrochen…

Selbstverständlich testete ich zuerst den linken roten Hebel mit der Rekuperationsbremse. Sie hat leider ein eher digitales Verhalten und der Scooter bremst abrupt und stark. Da ich darauf nicht vorbereitet war, bin ich fast über den Lenker geflogen. Also nochmal beschleunigt und dann mit der Hinterrad-Bremse entschleunigt. Auch da hat man kaum Gefühl im Hebel. Die Scheibenbremse ist viel zu heftig für meinen Geschmack. Würde da Laub liegen, wäre das Hinterrad weg. So weit, so heftig.

Von Beschleunigung ist im Eco-Modus kaum etwas zu spüren. 350 W hätte ich mir anders vorgestellt. Aber vielleicht kommt die volle Leistung ja erst im Normal-Modus, dachte ich. Also angehalten und mit Doppeldruck auf dem schwarzen Taster umgeschaltet und ab ging’s. Es mag ja sein, dass da irgendein messbarer Unterschied zwischen den Modi außer der Endgeschwindigkeit ist, aber ich konnte den kaum spüren. Immerhin fährt der Lidl-Scooter wie versprochen seine 20 km/h. Das muss genügen.

Fazit

Generell war ich positiv überrascht von der Qualität des Scooters. Er ist wirklich ordentlich und stabil gemacht. Auch der Akku enttäuscht nicht und man kann ihm die 22 km Reichweite voll zutrauen – ausprobiert habe ich es aber nicht, da ich nicht gerne schiebe. Die Elektronik sieht ebenfalls gut aus und die Beleuchtung ist hell und ausreichend. Dass man so einen Scooter für den Preis machen kann, erstaunt mich.

Nicht so gut hingegen fand ich die Beschleunigung. Das sollen 350 W sein, wirklich? Es kommt kein richtiges Elektrofeeling auf – außer beim Rekuperieren. Damit zum größten Manko: Die Bremsen sind einfach viel zu heftig. Während die Scheibenbremse sicher mit der Zeit etwas geschmeidiger wird, ist die Rekuperation einfach zu giftig. Wer das konzipiert hat, der hat nur einen Teil seines geistigen Potentials genutzt.

Alles in Allem würde ich trotz der gewöhnungsbedürftigen Bremsen zu einem positiven Gesamturteil kommen. Das Preis/Leistungs-Verhältnis ist schon sehr gut. Trotzdem würde ich Ihnen zwingend zu einer Testfahrt raten, wenn Sie sich oder Ihren Sprösslingen so einen E-Scooter kaufen wollen.

Noch ein Schmankerl am Rande: Ein guter Freund hat übrigens ausprobiert, ob dieser Scooter in den Frunk (Kunstwort aus Front und Trunk) seines nagelneuen Tesla Model X passt. Bild 14 beweist, dass das klappt. Martin möchte damit in der Stadt herumfahren, falls sein Tesla an einer Ladesäule eine Pause einlegt. Eine gute Idee und der Scooter ist sicherlich billiger als ein Außenspiegel seines neuen Elektromobils. Aber das ist ja auch 12,4 Mal schneller und bietet die 885-fache Leistung.

Bild 14. Scooter im Frunk eines Tesla Modell X (Bild: Martin Jepkens).

Wollen Sie weitere Elektor-Artikel lesen? Jetzt Elektor-Mitglied werden und nichts verpassen!

Kommentare werden geladen...
Verwandte Artikel